Besuch in der Corona Intensivstation der Uniklinik Tübingen Teil 3

Selfie im Spiegel vom Fotograf in FFP 3 Schutzkleidung

3. Teil meines Beitrages zu der Fotoreportages in der Corona Intensivstation der Uniklinik Tübingen. Wer erst Teil 1 lesen möchte, schaut hier vorbei.

Wenn ein Mensch stirbt.

Solche Momente gab es für mich etliche weitere. Einer war die etwas skurrile Situation mit dem wachen Patienten. Er wurde gefragt, wie er sich fühle und ob er einen Wunsch hätte. Fußballergebnisse des VfB und ein Bier. Die Ergebnisse konnte ich ihm geben. Irgendwo im Haus trieb eine Mitarbeiterin eine Flasche warmes Bier auf. Nach Rücksprache der Pflegekräfte mit den Ärzten gab es das Bier es dann aus einer Schnabeltasse zu trinken. Mir wurde später mitgeteilt, dass dieser Wunsch eines Patienten eher unüblich sei. Ob dem Patienten aufgefallen ist, dass er bayrisches Bier bekommen hat und keines aus der Region?

Was mir ebenfalls bleibend in Erinnerung geblieben ist, wie schnell sich die Gesundheit eines Patienten bei dieser Krankheit verschlechtern kann. An einem Tag spricht man mit dem Patienten und er wirkt auf einen, als würde er bald von der Station entlassen werden können. Einige Tage später komme ich wieder und freue mich den Patienten wirklich nicht mehr zu sehen. Auf Nachfrage bekomme ich zu hören, dass er sich innert kürzester Zeit rapide Verschlechtert hat und es am Ende nicht schaffte.

Oder als ich in einem Zimmer war, es urplötzlich von Mitarbeitern wimmelte und ich gar nicht mehr wusste, was ich nun fotografieren sollte. Es geschah so viel gleichzeitig und das nicht eben kleine Patientenzimmer war zum Bersten voll mit Menschen, Betten und Geräten. Am Ende habe ich den Foto über Kopf gehalten und um so weitwinklig wie möglich die ganze Szenerie im Bild einzufangen.

Urplötzlich war das Zimmer voller Menschen

Wirklich heftig war für mich die Begegnung mit dem Patienten in dem Rotorestbett. Dieser Patient lag schon einige Zeit länger auf der Station und war in einem ähnlichen Alter wie ich. Am Schrank neben dem Bett hingen Bilder von seiner Partnerin und ihm aus gesundheitlich besseren Tagen. In der Regel liegen die Patienten komplett zugedeckt im Bett. Diese Hülle von einem Körper einmal beim Umlagern aufgedeckt zu sehen und wie er durch Corona abgebaut hatte. Dieser Kontrast zu den Bildern am Schrank, das war verstörend.

Bis zu meinen Besuchen auf der Corona Station hatte ich noch nie einen Menschen beim sterben gesehen. Einmal war ich dabei, als es hieß, man schaltet die lebenserhaltenden Maßnahmen bei einem Patienten ab. Ich stand mit dem diensthabenden Arzt und einem Pfleger dort am Bett als es soweit war. Der Pfleger schaltete auf Anweisung des Arztes die Maschinen per Knopfdruck aus.

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Ich erwartete nun, dass der eigentliche Tod des Patienten recht schnell eintreten würde. So standen wir am Bett, damit der Patient nicht alleine versterben musste. Bis zum letzten Herzschlag vergingen dann doch über 20 Minuten. Minuten, indem keiner etwas sagte und man auf das unvermeidbare wartete. Nachdem der Patient verstorben war, wurde ein Fenster geöffnet. Auf meine Frage hin aus welchem Grund, wurde mir gesagt, damit die Seele des Verstorbenen den Weg aus dem Raum finden könnte.

Der Tod ist anders als im Film

Ich stand während der ganzen Zeit am Bett und versuchte die Situation würdevoll des Versterbenden entsprechend zu fotografieren. Das war nicht einfach, da ich im Gegensatz zu den anderen Patienten & Situationen keine exakten Details zeigen wollte. Wie mir später mitgeteilt wurde, hatte ich rein zufällig die letzten drei Herzschläge des Patienten auf dem EKG-Monitor festgehalten. Beabsichtigt war dies nicht von mir. In Anbetracht der Umstände, habe ich so ein ungemein ausdrucksstarkes Foto geschaffen. Ohne, dass ich dabei den Verstorbenen direkt ins Bild gesetzt habe.

Was für mich die Situation noch beklemmender machte, war der Patient welcher direkt gegenüber lag. Er war wach und soweit genesen, so dass er noch am gleichen Tag in eine andere Klinik verlegt werden sollte. So unterschiedliche Krankheitsverläufe direkt gegenüber. Einer mit tragischem Ende und der andere mit positiven Ausgang. Mehr Kontrast ist kaum möglich.

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Ich fragte die Mitarbeiter, was für sie das belastende bei der Arbeit auf Station ist. Neben der körperlichen Anstrengung wurde mir genannt, dass keinerlei Besuch Angehöriger möglich ist. Außer, ein Patient liegt im Sterben. In diesem Fall dürfen bis zu zwei Angehörige kommen. Dies geschieht nur äußerst selten. Quarantänebestimmungen, Angst vor dem Virus, usw. sind einige der Gründe.

Nach dem Tod direkt ins Krematorium

Der Patient wird nach seinem Tod von den Maschinen getrennt und kommt in direkt in einen Leichensack. Dieser kommt in ein Krematorium und wird verbrannt. Für die trauernden Angehörigen besteht keinerlei Chance ihren geliebten Mitmenschen nochmals zu sehen und Abschied zu nehmen. Ich wüsste nicht, wie ich das auf Dauer verarbeiten könnte. Von einer betroffenen Tochter deren Vater an Corona verstorben ist, habe ich gehört dass dies alles andere als einfach ist.

Nach meinen Einsätzen auf Station ging es um das Archivieren, Sichten und Bearbeiten der Fotos. Dies geschah bei mir zeitnah am heimischen Rechner unter Anderem in Lightroom. Die Originaldateien der Kamera speicherte ich mehrfach redundant ab und lagerte sie verschlüsselt an verschiedenen Orten. Ein Verlust dieser Daten wäre fatal gewesen.

Ich zeigte der Klinik schon einmal eine Auswahl an Fotos und man besprach gemeinsam, in welche Richtung weiter fotografiert werden sollte. Den Mitarbeitern auf Station zeigte ich ebenfalls eine Auswahl, damit sie einen Eindruck bekamen, was ich nun genau während meiner Anwesenheit fotografierte. Dies geschah via Tablet und Diashow auf dem Gerät.

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Eine Fotoausstellung entsteht

In den Gesprächen während des Projektes mit unter anderem Frau Hermle, der Mitarbeiterin von der Presse- & Öffentlichkeitsarbeit der Klinik, wurde klar, dass die Fotos einem breiterem Publikum gezeigt werden sollen. Als Ausstellungsfläche wurde die Zentrale Aula in der Cronaklinik ausgewählt. Ein Problem war, dass die Klinik für Außenstehende geschlossen ist. So sollten zusätzlich die Fotos online auf der Homepage des Klinikums gezeigt werden. Begleitet von einer PR-Aktion zum Start.

So kam es, dass ich innerhalb 4 bis 6 Wochen während alles Corona bedingt geschlossen hat eine Ausstellung auf die Beine stellen sollte. So wie ich vorher noch nie auf einer Intensivstation fotografiert hatte, war die Ausstellung ebenfalls eine Premiere für mich. Worauf es bei einer Ausstellung ankommt, Größe der Drucke oder was man beachten sollte? Keine Ahnung. Es war mal wieder Zeit ins kalte Wasser zu springen.

Im Normalfall wäre ich ein paar spezialisierte Dienstleister angefahren und hätte mir so Dinge wie Bilderrahmen, Druckpapier angeschaut und als Muster mitgenommen. Damit wäre ich in die Klinik und man hätte sich am Ort der Galerie Gedanken zu gemacht. Nur wenn alles geschlossen hat, man für die Auswahl der Bilder, den Druck, Rahmung und das Aufhängen der Bilder sehr wenig Zeit hat, wird das zu einer Art Quadratur des Kreises.

In Teil 4, wie sich das für mich weiter entwickelte.

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